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Das Schicksal ist ein mieser Verräter? Oder: Ishvara Pranidhana

Im Leben findet man sich ja immer mal in Situationen wieder, die einen überfordern – auf die ein oder andere Weise. Mich bringt zum Beispiel im Grunde jede Reise mit der Deutschen Bahn an die Grenzen meiner Belastbarkeit und bisweilen auch darüber hinaus. Da vergesse ich mein Yoga und übergebe die Steuerung an sehr dunkle Anteile meiner Seele, um angesichts der verheerenden Kombination aus Inkompetenz, Unfreundlichkeit und Willkür ohne posttraumatische Belastungsstörung irgendwie, irgendwo und irgendwann anzukommen. Okay, die Deutsche Bahn ist natürlich ein extremes Beispiel, welches wahrscheinlich selbst Chuck Norris bitterlich weinend und nach seiner Mama rufend in sich zusammensacken ließe. Ich kann aber auch gefühlt Stunden an einer dieser Erdbeer-Buden verbringen, die im Sommer an jeder Ecke aus dem Boden sprießen. Mit kritischem Erdbeerexpertenblick prüfe ich Schälchen für Schälchen, vergleiche, wäge ab, tippe mal vorsichtig mit dem Finger auf eine Beere … und kaufe nach langem Hin und Her dann doch lieber Himbeeren, weil mich die Vielfalt überfordert. Und zwar das Schälchen, das der entnervte Verkäufer einfach schnell in die Tüte steckt, bevor ich überhaupt den Himbeerexpertenblick anschalten kann.

Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie

Und so stolpern wir doch alle irgendwie mehr oder weniger überfordert durchs Leben. Ständig sollen wir uns entscheiden, das Richtige tun, das Falsche möglichst vermeiden, die guten Menschen erkennen und uns von denen fernhalten, die uns kaputt machen. Wir sollen innovativ sein, voraus denken, aber auch wieder nicht zu weit, denn, Hey „Life’s here and now“. Die Rente muss gesichert werden, verbindlich sollen wir sein, aber die Freiheit darf bitte auch nicht zu kurz kommen. Genuss ist so wichtig, also zumindest solange der BMI im Normalbereich bleibt und auch ein paar Superfoods auf dem Speiseplan stehen. Glücklich sollen wir sein, aber auch nicht jedem Konflikt aus dem Weg gehen. Große Gefühle sind wichtig, ein bisschen Melancholie, ein bisschen Euphorie, ein bisschen Tiefgang, aber alles immer im richtigen Maß. Wir sollen kämpfen, niemals aufgeben, aber dabei nicht die Leichtigkeit des Seins verlieren. Wir sollen nicht so viel auf Äußerlichkeiten geben, stattdessen unsere innere Schönheit kultivieren, die ungeschminkte Wahrheit zeigen, aber bloß nicht auf Kosten unserer Instagram Follower.

Theoretisch alles ganz easy, praktisch treten wir dann aber doch in jeden zweiten Fettnapf, geraten ins Schlingern, verlieren den Halt und müssen uns mühsam wieder berappeln, bevor wir unseren Weg fortsetzen – ganz benommen von unserem Sturz und unter den kopfschüttelnden Blicken unserer strengen inneren und äußeren Kritiker. Und noch immer ohne einen blassen Schimmer, wie das Leben eigentlich funktioniert, aber Stillstand ist natürlich keine Option. Und jetzt?

Als ich dachte, nichts geht mehr, betrat „Ishvara Pranidhana“ die Bühne

In den letzten Wochen hat das Leben mich mehrfach daran erinnert, dass es nie von sich behauptet hätte, fair oder gar kalkulierbar zu sein. Und ob man es glaubt oder nicht, plötzlich wäre ich lieber mit der Deutschen Bahn ohne Sitzplatzreservierung in einem ICE mit umgekehrter Wagenreihung an einem Freitagnachmittag zu Ferienbeginn während einer Hitzewelle mit Klimaanlagenausfall quer durch die Republik gereist, als mich dem zu stellen, was das Leben mir so vor die Füße geworfen hat. Überforderung legte sich auf meine Schultern, ein zentnerschwerer Mantel, genäht aus Wut, Angst und Entsetzen, der mich fast in die Knie gehen ließ. Fast! Denn als ich dachte, nichts geht mehr, betrat „Ishvara Pranidhana“ die Bühne, die Hingabe und das Vertrauen in das Leben, die eigene Stärke und eine höhere Realität. Behutsam half es mir auf, zog mir den Überforderungsmantel aus, klopfte mir den Staub der Verzweiflung von den Schultern und nahm mich an die Hand. Ich weiß zwar noch immer nicht, wohin die Reise geht, aber ich setzte einen Fuß vor den anderen, im tiefen Vertrauen, dass es gut werden und sich mir der Sinn erschließen wird. Das Tal ist tief, der Aufstieg lang und steinig, aber die Aussicht wird mich entschädigen, da bin ich mir sicher.

Vertrauen in den Fluss des Lebens

Ishvara Pranidhana ist Teil der Niyamas, der zweiten Stufe des achtgliedrigen Yoga-Pfades, den Patanjali vor über 2000 Jahren im Yoga Sutra, einer Art Yoga-Leitfaden bestehend aus 195 Sanskrit-Versen, beschrieben hat. Die Niyamas umfassen fünf Verhaltensregeln, die wir im Umgang mit uns selbst berücksichtigen sollten, um ein bewusstes und intensives Leben zu führen. Dabei meint Ishvara Pranidhana, so wie ich es verstehe, nicht, sich einer äußeren Macht hilflos ausgeliefert zu fühlen, sondern über innere Hingabe wieder Vertrauen in den Fluss des Lebens zu finden und nicht gegen die Intuition, die innere Weisheit anzukämpfen.

Meine Mutter berichtete mir vor kurzem von einer Situation am Sterbebett eines engen Freundes. Wie in Trance wusste auf einmal jeder der Beteiligten, was zu sagen und zu tun war, um diese Seele friedlich ziehen zu lassen. Ganz verdattert waren sie hinterher, konnten sich kaum an Einzelheiten erinnern. Aber sie wussten, dass es genau richtig war, so wie es war. Manchmal muss wohl alles, was wir dachten zu wissen, zu können und zu ertragen in der Überforderung über uns zusammenbrechen, damit wir die Logik und den Verstand hinter uns lassen und etwas Größeres vertrauensvoll durch uns wirken lassen können – Ishvara Pranidhana.

Du bist die Welle – Du bist das Meer

Das Schicksal ist kein mieser Verräter. Dass uns das im ersten Moment wenig überzeugend erscheint, wenn es uns ohne Vorwarnung eine harte Linke verpasst, wir über Board gehen und hilflos auf dem tobenden offenen Meer des Lebens treiben, ist wohl natürlich. Gerade war alles noch gemütlich und sicher und plötzlich fehlt uns jeglicher Halt. Wild strampelnd und auf das Leben fluchend können wir uns bei aller Liebe keinen Reim auf diese Ungerechtigkeit machen. Einzig logische Erklärung: Das Karma muss sich geirrt haben. Und je mehr wir uns wehren, desto mehr Kraft verlieren wir und öffnen der Verzweiflung die Tür. Wenn wir aber vertrauen, uns der Bewegung der Wellen hingeben und der Panik nicht erlauben, unseren Blick zu trüben, stellen wir fest, dass wir selbst die Welle sind. Und die Welle ist das Meer. Es gibt keinen Anlass zur Sorge, denn wir können uns in dieses Meer versinken lassen und verlieren uns doch nicht.

Also lass das Boot ruhig davon treiben, du brauchst es nicht und hast es nie gebraucht. Dreh deinen Blick der aufgehenden Sonne entgegen, denn am Horizont zeichnen sich womöglich schon ungeahnte neue Möglichkeiten ab, die du zuvor, in der falschen Sicherheit deines Bootes, gar nicht erkennen konntest.

 

Du bist kein Tropfen im Ozean,
Du bist ein gesamter Ozean in einem Tropfen.

(Rumi)

 

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