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Von einer, die auszog, eine Wohnung zu finden und sich selbst fand

Ich bin gerade auf Wohnungssuche. In Hamburg. Als Selbständige. Würde ich mich mit der Lösung des Hamiltonkreisproblems oder der Quadratur des Kreises befassen (Mathe Prüfungsfach, 1 Punkt) hätte das ungefähr genauso viel Aussicht auf Erfolg. Daher wäre ich auch schon für ein bezahlbares WG-Zimmer mit mehr als sieben Quadratmetern und ohne Schimmelpilz an den sich langsam ablösenden Tapeten sehr dankbar.

Seit zwei Wochen verbringe ich nun also meine Abende an den verschiedensten WG-Küchentischen, erkläre wo ich herkomme, wo ich mich in zehn Jahren sehe und wie ich mir das Zusammenleben so vorstelle. Anhand des Anzeigentextes leite ich schon vor dem ersten Treffen ab, was gerade gesucht wird und bin dann einfach genau das. Also entweder total ruhig und unauffällig – eigentlich kaum zuhause, die aufgeschlossene Frohnatur – immer bereit eine Flasche Rotwein in der Küche zu köpfen und die Nacht durchzuquatschen oder die Verständnisvoll-Unkomplizierte („Nö, stört mich gar nicht, wenn du es mal zwei-drei Wochen nicht schaffst abzuwaschen.“). Was ich vorsichtshalber nicht bin, ist das, was ich wirklich bin. Yogalehrerin. Vegan. Besitzerin eines Hundes. Ziemlich „langweilig“, weil ich sehr früh aufstehe und auch sehr früh schlafen gehe. Gern allein mit mir und meinen Gedanken. Denn dann könnte ich mir die Zeit auch gleich sparen, mir ein Einmann-Igluzelt zulegen und mich zu den Aussteigern unter der Kennedybrücke gesellen. Da darf man wenigstens sein, wer man ist … also am Rande der Gesellschaft. Mit Blick auf die Alster.

Wenn zumindest die Yogalehrerin doch im Gespräch zum Vorschein kommt, weil sie nun mal die Miete verdient und sich außerdem anhand der zusammengerollten Yogamatte im Zimmer der hoffentlich zukünftigen Mitbewohnerin ein gewisses Interesse ableiten lässt, dann bin ich natürlich meeeega undogmatisch, verleugne meine Sammlung ätherischer Öle und alles, was sonst noch dazu führen könnte, dass ich vor dem inneren Auge meiner strengen Prüfer nackt bis auf die selbstgestrickten Ringelsocken um rituelle Feuerchen tanze, Om Shanti kreische und mit irrem Blick die düstere Zukunft der nicht veganen Erdenbewohner anhand meiner Glaskugel herleite.

Wenn ich darüber nachdenke, ist das schon ziemlich absurd. Da befasse ich mich seit Jahren mit meiner spirituellen Entwicklung, umrunde die ganze Welt auf der Suche nach der „Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ (Douglas Adams), bin quasi verwachsen mit meiner Yogamatte, bekomme ganz, ganz langsam einen winzig kleinen Eindruck davon, wer ich wirklich bin und kann diese erhellende Einsicht in der Praxis nur in der Form nutzen, eben genau das möglichst nicht zu sein. Weil die, die ich bin, weder in einen konventionellen Beruf und schon gar nicht in eine konventionelle Wohngemeinschaft passt. Und ich frage mich: Wozu dann also diese ganze Selbstfindung?

Natürlich bin ich nicht die Om Shanti kreischende Vollirre. Aber das, was die meisten WGs suchen, bin ich wohl eben auch nicht. Und wahrscheinlich muss man an dieser Stelle auch noch mal kritisch hinterfragen, wie die Tatsache zu bewerten ist, dass ich überhaupt nach einem WG-Zimmer suche, während meine Freunde heiraten, Kinder kriegen, befördert werden, Kredite aufnehmen, Häuser bauen und ihr Leben in den Griff bekommen. Läuft da womöglich irgendetwas grundlegend schief und sollte ich jede WG-Absage als Wink des Schicksals mit dem Zaunpfahl deuten, der mich zurück auf den rechten Weg bringen soll? Zurück zu Nine to Five, zu meinem Bürojob und einem stabilen Kontostand? Das lief ja damals alles super, also zumindest bis ich – der Himmel weiß warum – die ersten Schritte auf dem Selbstfindungstrip gewandert bin, begann mir selbst unbequeme Fragen zu stellen und daraufhin mein Leben auf den Kopf gestellt habe … und mich gleich im Kopfstand dazu.

Die Sache ist die, dass meine Biografie von außen betrachtet irgendwie als eine Geschichte des Scheiterns interpretiert werden könnte. Für mich fühlt sich aber (mal abgesehen von der momentanen Wohnungsnot) alles ganz richtig an … und das Leben der anderen aber auch nicht falsch. Es kommt eben immer auf die Perspektive an und die Fähigkeit, diese auch mal zu verändern und neue Blickwinkel auszuprobieren.

Okay, ich ziehe vielleicht mal eine Orakelkarte im Zuge einer schwierigen Entscheidungsfindung. Aber, hey, das Leben ist auch echt zu komplex, um immer alles selbst zu entscheiden. Und das ist eben meine Form der persönlichen Prozessoptimierung. Und, ja, ich summe mal ein Mantra vor mich hin, spreche zu mir selbst („Einatmen – Ausatmen.“), zünde ein Räucherstäbchen an oder nehme es mit dem Perspektivwechsel ein bisschen zu wörtlich und stehe Kopf. Aber dafür bin ich auch ein echt entspannter Mensch und kann – einatmen – ausatmen – auch mal unkommentiert, ganz ohne Drama und anschließendes Ausdiskutieren im konstruktiven Sitzkreis den Geschirrberg der letzten drei Wochen wegspülen. Klar, mein Einkommen ist nicht stabil, aber reichen tut es immer irgendwie. Und Instabilität macht kreativ und erfinderisch. Und das macht wiederum Spaß. Ich habe keinen geregelten Tagesablauf, dafür habe ich aber die Freiheit, mir Zeit zu nehmen, wenn ich gebraucht werde, wenn dein Herz gebrochen wurde, du vor Liebeskummer krank und all deine Freunde busy sind. Dann sitze ich mit dir in der Küche, schenke dir Rotwein nach und tröste dich mit Geschichten aus fernen Ländern.

Nur wie kriegt man all das jetzt in dem winzigen Zeitfenster unter, das einem beim WG-Vorstellungsgespräch eingeräumt wird, bevor der nächste Bewerber das Feld betritt (Festanstellung, geregelte Arbeitszeiten, total cooler Typ und befreundet mit dem Barkeeper des neuen In-Clubs um die Ecke)? Nun, ich werde wohl das Orakel befragen müssen, denn ich bin ratlos, wenn auch nach wie vor optimistisch.

Ein neues Zuhause habe ich zwar (noch) nicht gefunden, aber dafür einen Text geschrieben, der dich (und mich) dazu ermutigen soll, das zu sein, was du bist. Sei skurril, sei anders, sei laut, sei leise, sei langsam, sei überdreht, sei langweilig, sei empfindlich, sei verrückt und trage selbstgestrickte Ringelsocken. Sei, was immer du bist, vielleicht sogar selbständige, vegane Yogalehrerin mit Hund auf Wohnungssuche in Hamburg. Ich jedenfalls probiere das jetzt mal aus. Höchstwahrscheinlich macht das die WG-Suche nicht unbedingt erfolgreicher, aber auf jeden Fall amüsanter für alle Beteiligten.

Und was kann mir schon passieren? Ich glaube, im Keller liegt noch ein altes Einmann-Igluzelt. Vielleicht genau der richtige Ort, um sich noch mal ganz in Ruhe mit dem Hamiltonkreisproblem oder der Quadratur des Kreises auseinanderzusetzen. Und, liebe WGs, wollt ihr wirklich einer potenziellen zukünftigen Nobelpreisträgerin der Mathematik das Mitbewohnen eurer vier Wände verwehren? Om Shanti, ihr Lieben.

Comments ( 4 )

  • lisbeth says:

    was für ein wunderbarer beitrag. du sprichst mir aus der seele…
    ich wünsche dir und deinem hund das ihr bald was schönes findet…

  • Karin says:

    Big hug 🙂

  • natalie says:

    toller artikel , fette Umarmung und viel erfolg :))

  • Ewa says:

    Liebe Katrin,
    ich habe gestern eine Wohnung angeboten bekommen: 1,5Zi für 530,- EUR (ob warm oder kalt kann ich gerade nicht sagen) Wohnung liegt zwischen Poppenbüttel und Farmsen.

    Hast du Interesse? Dann würde ich den Kontakt vermitteln? Bitte schreib mir eine Mail an die o.g. Adresse.

    Herzenswarmen Gruß
    Ewa

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