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Einmal Sorgenfrei to go, bitte. Eine Expedition zu den verflixten Gründen unserer Angst

So viele Entscheidungen. So viele Optionen. So viele Konsequenzen. So viel Unsicherheit. So viel Angst. Je mehr wir uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, desto mehr hinterfragen wir die Strukturen, in denen wir uns bewegen und finden uns in Situationen wieder, die große Entscheidungen von uns verlangen und nicht selten auch einen Richtungswechsel und einschneidende Veränderungen bedeuten. Und Veränderungen konfrontieren uns immer auch mit unseren großen und kleinen Ängsten.

Klar, bei dieser Entwicklung hat natürlich Yoga mal wieder seine Finger im Spiel, denn es macht uns wach und achtsam, lüftet den Schleier und lenkt unseren Blick weg von dem, was immer schon war hin zu unserem Potenzial und dem, was möglich ist, wenn du dich aus alten Gedanken- und Verhaltensmustern löst. Du hattest dich gerade gemütlich in deiner Komfortzone eingerichtet und dir selbst glaubhaft versichert, dass alles total super ist, da nimmt Yoga dir die rosarote Brille von der Nase und lässt dich wieder klar und deutlich deinen Horizont und seine Grenzenlosigkeit erkennen. Ist das alles wirklich so toll oder nur gemütlich? Bin das wirklich ich, oder bin ich das, was von mir erwartet wird? Bin ich wirklich Opfer der Umstände, oder könnte ich etwas verändern, wenn ich nur mutig meine Flügel ausbreiten und durch die weit geöffnete Käfigtür hinaus in die Ungewissheit fliegen würde?

Hach, was waren das noch für Zeiten, als meine größte Angst die vorm Zahnarzt und vor haarigen Achtbeinern war?

Mein Leben verlief in sicheren Bahnen und die Entscheidungen, die es zu treffen gab, drehten sich eher darum, ob ich am Sonntagabend lieber den indischen oder den vietnamesischen Bringdienst bestelle, bevor am Montag wieder täglich das Murmeltier grüßt und man sich treiben lässt auf den sanften Wogen des Alltagstrotts. Klar, da gab es nicht viel Raum für Verrücktheit und Veränderung, aber eben auch nicht viel Raum für Angst und Unsicherheit. Unglücklich war ich nicht, aber eben auch nicht glücklich. Und je mehr ich mich dem Yoga widmete, desto mehr begann ich mich und mein Leben zu hinterfragen und zu ahnen, dass irgendetwas schief lief.

Es folgte eine Weltreise … eine Yogalehrerausbildung … New Moon Yoga … und als letzte Konsequenz – nicht als Zeichen meines Mutes, sondern weil es unausweichlich und nicht mehr mit meinem Leben und meinen Wertvorstellungen zu vereinbaren war – die Kündigung meines festen Arbeitsverhältnisses und der Schritt in die Selbständigkeit. Große Freiheit. Und mit der Freiheit kam die Angst.

Ich kann mich nicht mehr hinter den Strukturen eines Konzerns verstecken, sondern lege in jede Yogastunde, jede Yogareise, jede Massage auch ein Stück von mir selbst. Die Miete, Versicherungen, Telefon und Lebensmittel bezahlen zu können ist keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern hängt davon ab, ob und wie viele Menschen dieses Stück von mir haben möchten, was wiederum von so vielen Faktoren abhängig ist, dass es ohne eine große Portion Urvertrauen wohl gar nicht gehen würde. Und immer wieder, meist dann, wenn ich gerade besonders zufrieden bin mit meinem Leben, wenn ich mittags mit einem guten Freund im Café sitze, mir die Sonne ins Gesicht scheint und die Luft nach Frühling riecht, reist der Verstand plötzlich mit mir in die Zukunft und stellt unangenehme Fragen: Ist das alles nur ein kurzer Moment des Glücks und gar nicht das echte Leben? Kann mir das wieder weggenommen werden? Was wird sein in 10 Jahren – 20 Jahren – 30 Jahren?

Ist Angst der Preis, den wir für die Freiheit bezahlen?

Bei den großen Fragen des Lebens lohnt es sich ja immer, mal einen Blick auf die literarischen Ergüsse spiritueller Großmeister zu werfen. Denn wenn sich schon mal jemand ausführlich mit der Thematik auseinandergesetzt hat, kann ich mir die Zeit ja im Grunde sparen und nach kurzer Lektüre direkt über „Los“ in Richtung Erleuchtung weiterziehen. Quasi Sorgenfrei to go. Frei nach dem Motto: Man muss nicht wissen, wie es geht, sondern nur, wo es steht.

Tja, nur ist das mit der Angst so eine Sache, denn sie ist vieles, aber ganz bestimmt nicht in einem Satz zu erklären. Ich befrage Google und Wikipedia, lese wissenschaftliche Abhandlungen, psychologische Fachliteratur, große Worte weiser Yogis und Zitate weltberühmter Denker und Philosophen, aber wirklich schlauer werde ich nicht. Wir empfinden Angst als bedrohlich, was natürlich erstmal kein schönes Gefühl ist, aber im Zweifelsfall auch lebensrettend sein kann. Angst kann uns lähmen, aber genau so kann sie uns auch zu Höchstleistungen antreiben. Ich stoße auf ein Zitat von Osho:

„Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, statt dessen ist es die totale Gegenwart von Angst – mit dem Mut, ihr zu begegnen.“

Also ohne Angst kein Mut?

Je mehr ich lese, desto komplexer gestaltet sich das Ganze. Woher genau kommt die Angst denn nun? Und viel wichtiger: Wie werde ich sie los, damit ich meine Freiheit endlich so richtig schön genießen kann, ohne ständig wachsende Sorgenfalte zwischen den Augen und ohne permanent über Altersarmut und Unterversicherung nachzudenken?

Benjamin Franklin hat gesagt:

„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“

Das bringt mich zum Grübeln. Sind meine Ängste Ausdruck meines inneren Wunsches nach mehr Sicherheit? Und habe ich diese Sicherheit nicht gerade mit wehenden Fahnen und Pauken und Trompeten hinter mir gelassen, mit dem Wunsch nach mehr Freiheit? Wie viel Sicherheit verträgt die Freiheit?

Ach, es ist doch verflixt. Wie es scheint, ist die Angst immer da und schon immer da gewesen. Sie sichert unser überleben und hat in vielen Situation absolut ihre Berechtigung. Die Kunst ist wohl, die positiven Aspekte der Angst zu erkennen, genau hinzugucken, klug abzuwägen und für sich selbst eine Entscheidung zu treffen, wie viel Freiheit und wie viel Sicherheit das richtige Gleichgewicht für das eigene Leben bilden. Sich nicht von der Angst, sondern vom Vertrauen, von der Liebe leiten zu lassen, das „Jetzt“ zu genießen, auch wenn die Angst immer Teil dieses „Jetzt“ ist. Wahre Sicherheit können wir nicht auf unserem Bankkonto finden und kein Arbeitsvertrag kann sie uns vertraglich zusichern. Sie lässt sich nicht in einem schönen Haus am Stadtrand einmauern und auch nicht über die Rentenversicherung für die Zukunft konservieren. Wahre Sicherheit können wir nur aus uns selbst heraus entstehen lassen.

Und dann stoße ich am Ende meiner Recherchen auf ein Zitat, das mich ganz besonders wach rüttelt.

„Geh los! Warte nicht, die Angst wird nur größer!“

Wer das gesagt hat? Einer, der es wissen muss. Einer, der die Welt von ganz oben gesehen hat. Einer, der dem Himmel zum Greifen nah war und diesem Traum sogar einen Zeh geopfert hat. Einer, der sich wie kein anderer nach Freiheit und Weite sehnt, aber verstanden hat, dass es ohne Sicherheit nicht geht und man die Angst immer im Schlepptau hat. Der gute, alte Reinhold Messner war’s.

Du musst ja nicht gleich den Mount Everest besteigen, aber was auch immer dein Traum ist. Geh los! Mach dich auf den Weg. Hab den Mut, immer mal wieder einen Richtungswechsel vorzunehmen. Fall hin. Steh wieder auf. Nimm die Angst an, aber nicht mit. Lass dich nicht von deiner Angst regieren, sondern nur beraten. Sei mutig. Sei frei. Sei grenzenlos. Und, egal was du tust, pass gut auf deinen Zehen auf.

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