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Yoga in vollen Zügen genießen. Oder: wie du rausfindest, ob dein Yoga funktioniert

Neulich habe ich ein schlaues Zitat gelesen: „The universe only gives you what you can handle.“

Wenn dem tatsächlich so ist, hält mich das Universum offenbar für Chuck Norris’ kleine Schwester. Oder es hat womöglich selbst unterschätzt, welche Strapazen mit einer Bahnfahrt einhergehen können. Kann sich auch das Universum irren? Rückblickend muss ich jedenfalls sagen, dass mich diese Erfahrung viel gelehrt hat – über mich, mein Yoga, Meditation, Menschen im Allgemeinen und die Abgründe des menschlichen Seins im Speziellen. Und das kam so …

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Ich bin Yogalehrerin und somit, zumindest in den Augen meiner Freunde und Familie, quasi in einem permanenten Zustand der glückseligen Tiefenentspannung, schlendere meinen Yogi Tee schlürfend ohne jedweden Anflug von Argwohn von Yogastunde zu Yogastunde und bin mit mir und der Welt in Frieden. Die Realität sieht allerdings anders aus. Denn quasi nebenbei arbeite ich auch noch Vollzeit in einem großen Konzern und muss (O-Ton Führungsriege) „Delivern, delivern, delivern!“ Von morgens bis abends bin ich im Büro, ab dem Abend und an den Wochenenden unterrichte ich Yoga oder gebe Massagen. Mein glückseliges Yoga-Ich und mein leistungsgetrimmtes Angestellten-Ich unter einen Hut zu bringen, raubt manchmal ganz schön viel Energie. Aber dieses Gefühl kennt wohl jeder, der zwei Rollen im Leben spielt, man denke nur an berufstätige Eltern. Umso größer war die Freude auf die vor mir liegende sechsstündige Zugfahrt zu meinem Bruder und seiner Familie nach Bayern. Denn in meiner Vorstellung waren das sechs Stunden entspannter Ruhe (Fensterplatz im Ruheabteil reserviert), die ich damit verbringen würde, aus dem Fenster zu sehen, Musik zu hören, zu lesen oder einfach vor mich hinzustarren. Eben all das, was ich sonst in meinen langen Büro-Yoga-Massage-Tagen nicht unter bekomme.

Nun ja, was soll ich sagen? Es kam anders. Der Wagen, in dem sich mein reservierter Platz befand (und der von gefühlt 300 weiteren Mitreisenden), war nicht existent. Ausgesetzt. An einem Freitagnachmittag. Nachdem ich mich der Mathematik der Deutschen Bahn angenähert hatte und annehmen konnte, dass auf Wagen 22 direkt Wagen 24 folgte (logisch), fügte ich mich in mein Schicksal und stand fast drei Stunden in meiner dicken Winterjacke, den Rucksack schwer auf den Schultern, die Pudelmütze noch auf dem Kopf im Gang. Zwischendurch kam der Zug zeitweise ganz zum Stillstand, weil eine Brücke auf der Fahrtstrecke brannte. Stickige Luft, müde Beine, genervte Menschen, heulende Kleinkinder. Ein Zugführer der versucht, Reisende mit 25 Euro Gutscheinen aus dem Zug zu locken, um die Situation zu entschärfen … und mittendrin ich. Und ich war so was von gar nicht entspannt und weit entfernt von innerem Frieden. Meine Zornesfalte hat sich während dieser Fahrt um mindestens 2 Millimeter vertieft und ich war eine tickende emotionale Zeitbombe – jederzeit bereit in die Luft zu gehen.

yoga-6-2Ich weiß nicht wie oft ich in meinen Yoga-Stunden sage, dass das Üben auf der Matte uns auf den Wahnsinn der Welt außerhalb des Yogastudios vorbereitet, dass wir in einem intensiven Twist lernen können, auch „off the mat“ mit verdrehten Situationen klarzukommen, dass Yoga uns zwar nicht dabei helfen kann die Situation zu ändern, aber unsere Reaktion darauf. Ja, ja, weise Worte. Mir jedenfalls war zum Heulen zumute. Meine Erwartungen enttäuscht und kein Spielraum, um überhaupt irgendwie groß auf die Situation reagieren zu können. Und am meisten geärgert habe ich mich darüber, dass ich mich so fühlte, wie ich mich nun mal fühlte. Mein schönes Yogi-Tee-trinkendes, friedfertiges, genügsames Yoga-Ich zerbröselte vor meinen zornigen nach Rache sinnenden Augen. Ich war enttäuscht von der Deutschen Bahn, enttäuscht von den Menschen, die sich inzwischen im Kampf um freiwerdende Sitzplätze – und sei es in der Zugtoilette – (ehrlich wahr!) gegenseitig an den Kragen gingen und vor allem war ich enttäuscht von mir selbst, weil mein Yoga irgendwie so gar nicht zu funktionieren schien. Wozu all das Meditieren, Atmen, Asanas Üben, wenn ich am Ende genau so doof aus der Wäsche gucke, wie alle anderen auch?

Nach Stunden im Stehen, einem verpassten Anschlusszug und ermüdenden Diskussionen im Reisecenter endlich am Ziel angekommen, holte mich mein Bruder vom Bahnsteig ab. Und kaum sitzen wir im Auto, erzähle ich lachend von meinem Reise-Abenteuer, berichte nicht nur von den Sitzplatz-Rangeleien, sondern auch von den Menschen, die sich zu sechst in Viererbänke gequetscht haben, ihren reservierten Platz jemand anderem überlassen oder immerhin abgewechselt haben und davon wie der Zugführer mit seinen ironischen Durchsagen alle irgendwie bei Laune hielt. Und da ist mir klargeworden, dass mein Yoga vielleicht doch ein bisschen funktioniert.

Es geht ja gar nicht darum, eine blöde Situation toll zu finden, sondern darum, die Nerven zu bewahren und weiterzuatmen. Es geht darum, seinen Ärger hinter sich lassen zu können, wenn die Situation vorbei ist. Es geht darum, bei all dem Chaos nicht den Blick für die kleinen Momente zu verlieren, in denen Gutes geschieht. Es geht darum, zu verzeihen, sich neu auf die Rückfahrt einlassen zu können, ohne noch an der Vergangenheit zu kleben und das Schlimmste zu befürchten. Und es geht darum, sich zu reflektieren und am Ende wieder lachen zu können, darüber wie man mit seiner Pudelmütze einen auf beleidigte Leberwurst gemacht hat, als gäbe es nichts schlimmeres auf der Welt, als eine Zugfahrt mit Hindernissen.

Und gerade, wo mir all das durch den Kopf geht, begegnet mir das nächste Zitat:

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Denn wenn wir unsere Erwartungen ans uns selbst nicht ganz so hoch aufhängen, können wir Situationen wie diese Bahnfahrt und auch unser Verhalten mit ganz anderen Augen sehen. Klar, Tiefenentspannung sieht anders aus, aber ohne meine Yogapraxis hätte ich vielleicht auch zu denen gezählt, die irgendwann die Nerven verlieren und damit weder sich selbst noch anderen irgendwie eine Hilfe sind.

In diesem Sinne – Yoga On! Im Yogastudio, im Zug, an der Supermarktkasse, wo auch immer. Denn Yoga funktioniert nicht nur auf der Matte, sondern überall da, wo du es mit hinnimmst.

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