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Die Sache mit Yin und Yang. Oder: Mein Leben zwischen „Hari Om“ und „Mahlzeit“

Ich wollte immer schon weg. Jetzt bin ich wieder da. Fast ein Jahr ist vergangen, seit ich von diesem völlig verrückten Trip durch Mittelamerika, Südostasien, Indien und Marokko zurückgekehrt bin. Verreisen ist leicht. Zurückkehren ist schwer. Denn wie sagte schon Peter Fox: „Mein altes Leben schmeckt wie’n labbriger Toast.“

Das ist natürlich, wie es in meiner – und offenbar auch in Peter Fox – Natur liegt, leicht dramatisiert dargestellt. Denn mein Reiseleben war ja auch nicht immer nur Peace, Love and Harmony, sondern streckenweise geprägt von Einsamkeit, Gefahr, Zukunftsängsten, Desorientierung, Melancholie, schäbigen Hostels und der berühmt-berüchtigten Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation. Aber je nachdem, wie es gerade so läuft, glorifiziert man eben entweder das was ist, das was war oder das was vor einem liegt. Betrachtet man diese menschliche Neigung mal aus yogischer Sicht, ist das auch gar nicht so abwegig, sondern einfach eine sehr lebensnahe Erfahrung von Yin und Yang, von den Gegensätzen, die unser Leben bestimmen. Und ohne Gegensätze kein Leben.

Die Wochenenden genießen wir, weil sie sich abheben vom Alltag. Eine Reise ist für uns deshalb so besonders und unvergesslich, weil sie endlich ist, eben irgendwie nicht das echte Leben. Partys und Konzerte würden uns tierisch auf die Nerven gehen, wenn nicht auch wieder Momente der Ruhe folgen würden. Und Verantwortung zu übernehmen, ob im Beruf, in der Familie oder in welchem Bereich auch immer, lässt uns nur wachsen, wenn in unserem Leben auch noch genug Platz ist, um unbekümmert in den Tag hineinzuleben, genug Platz für Freiheit. Auf die Nacht folgt der Tag. Auf Sonne folgt Regen. Nichts ist nur gut oder nur schlecht, sondern immer irgendwie relativ.

Nach Monaten des Weltenbummelns konnte ich mir trotzdem nicht vorstellen, mich wieder anzupassen und in mein altes Leben zurückzukehren, mit all seinen Regeln und Einschränkungen, wieder Verbindlichkeiten einzugehen, mich festzulegen, Erwartungen zu erfüllen, kompromissbereit zu sein. Allein die Vorstellung, wieder die meiste Zeit des Tages in einem grauen Großraumbüro mit Elbblick statt auf der Yogamatte am Ufer des Ganges zu verbringen, hat mir Angst gemacht. Obwohl das ja von Anfang an der Deal war. Obwohl genau dieser Job meine Reise mit all ihren kleinen Wundern überhaupt erst möglich gemacht hat. Und vor allem, obwohl ich auch gar keine Ahnung hatte, wie es denn sonst hätte weitergehen sollen. Heute muss ich in mich hineinlächen, wenn ich an diese Momente zurückdenke. Hat ja super geklappt mit der Suche nach der Erleuchtung!

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Anstatt mich also selbstbewusst und mit Vertrauen in den Fluss des Lebens und dem Wissen um Yin und Yang meiner Zukunft zu stellen, saß ich weinerlich auf einer marokkanischen Dachterrasse und malte mir meine Rückkehr nach Deutschland in den schwärzesten Farben aus.

Die gute Nachricht: Ich habe es geschafft … und so schlimm war es dann auch gar nicht. Natürlich gibt es immer wieder Tage, an denen ich mir wünschte, frei von Verpflichtungen mit der Yogamatte unterm Arm und einem seligen Buddha-Lächeln auf den Lippen irgendwo am Meer zu sein und mit hippen Menschen am Lagerfeuer Mantren rauf und runter zu singen. Es gibt aber auch Tage, an denen mir klar wird, dass ich mein Yogaleben nur deshalb so genießen kann, weil es auch immer wieder diese gänzlich unesoterischen Momente gibt, ein „Mahlzeit“ in der Großkantine statt ein „Hari Om“ im Yogastudio, ein guter alter Freund, mit dem man sich auf einen Gin Tonic (mach ruhig voll das Glas) und nicht auf einen Matcha Latte (vegan-fair-trade-organic) trifft und über die guten alten Zeiten lacht. Es ist eben alles verdammt relativ. Ohne Yin kein Yang und ohne gesichertes Einkommen keine neue Jade Yogamatte, um es mal ganz klar auszudrücken.

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Und das soll nicht heißen, dass wir jetzt alle schön die Hände in den Schoß legen und uns in unser Schicksal ergeben sollten. Und schon gar nicht soll das heißen, dass immer alles gut ist, so wie es ist. Wir haben es in der Hand, unser Leben in neue Wege zu leiten, wenn wir wirklich unzufrieden sind, mit dem was ist. Oft ist es aber eben nur die weichgezeichnete, rosarote Idee einer Lebensalternative, die uns erst träumen und dann unzufrieden werden lässt mit unserem „echten“ Leben, dem Hier und Jetzt. Eine Alternative, die bei genauerer Betrachtung eigentlich auch nicht das ist, was wir wirklich wollen, sondern nur das Gegenteil von dem, was gerade nervt, weh tut oder unsere Energie raubt.

Manchmal ist ein neuer Lebensentwurf tatsächlich die logische Konsequenz. Aber bis wir wissen, wie dieser Entwurf aussieht, können wir auch noch mal mit einem guten Freund bei einem Gin Tonic über diese Yin-Yang-Sache sinnieren und gucken, ob unser grauer Alltag vielleicht doch an der ein oder anderen Ecke ganz schön bunt und toll ist.

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