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Hey, ab in den Süden! Oder: Ein bisschen Frieden


Indien ist wunderschön, aber hier und da auch ein klitzekleines bisschen, na sagen wir mal, anstrengend. Ganz Indien? Nein! Im tiefen Süden, jenseits des Großstadtchaos von Delhi oder Mumbai, in Kerala, da ist es nicht im geringsten anstrengend, sondern ausschließlich wunderschön.

Hier habe ich einen Ort gefunden, der so vollkommen, so friedlich und paradiesisch ist, dass ich ihn eigentlich am liebsten für mich behalten würde. Das wäre natürlich wieder einmal nicht sehr yogisch. (Diese verdammte Yoga-Ethik kann manchmal ganz schön nerven.) Allerdings glaube ich wirklich, dass das Ayushkamy die Seele heilen kann und deshalb springe ich über meinen Schatten und teile.

Dank Nebensaison war ich hier der einzige Gast und anfangs fühlte ich mich ein bisschen einsam. Schließlich kam ich direkt aus Delhi und bei meiner Ankunft hallte in meinen Ohren noch das permanente Hupen der Tuktuks, das grelle Geschrei der Marktverkäufer und das nervtötende Dröhnen der Hauptstadt nach. Und plötzlich war ich wieder mit mir allein. Das Rauschen des Meeres, das Plätschern der Backwaters und das Zirpen der Grillen waren jetzt der Soundtrack für meine Gedankenwelt. Ein krasser Wechsel, ein bisschen so, als würde der Dorf-Disko-DJ übergangslos von „Highway to Hell“ auf „Ein bisschen Frieden“ wechseln. Da würden auch erstmal alle ein bisschen doof aus der Wäsche gucken … und dann schleunigst von der Tanzfläche flüchten. Und Flucht war auch mein erster Reflex. Man, man, man, Indien ist wie ich: Ganz oder gar nicht. Sekt oder Selters. Immer irgendwie extrem. Heiß oder kalt, laut oder stumm aber niemals einfach nur „normal“. 

Vinod, Inhaber des Ayushkamy, Yogalehrer, Ayurveda-Therapeut und gerade zurück von einem Schweige-Retreat in Bangalore (und somit leicht überfordert mit meinem anfänglich sehr hohen Redebedürfnis), hatte dann die passende Therapie für meine Anpassungsschwierigkeiten. Er schickte seinen über die Ruhe und Einsamkeit jammernden Gast mit Mahesh, der guten Seele des Ayushkamy, auf dem „Scooty“ nach Varkala, eine Touristenhochburg Keralas. In meiner Vorstellung war das nämlich DER Traum-Hippie-Dippie-Super-Yoga-Ort ÜBERHAUPT. Ich hatte mir online schon ein Hostel ausgesucht und wollte vorher nur mal kurz einen Blick darauf werfen, bevor ich mit Sack und Pack umzog.

Tja, was soll ich sagen? Nach einem kurzen Spaziergang entlang der Restaurants an der dreckigen Strandpromenade, die mit billigem Bier und Fleischgerichten warben und Shops, deren Besitzer sich quasi an meine Waden klammerten, um mich zum Kauf einer Polyester-Aladinhose made in China zu überreden, flehte ich Mahesh geradezu an, mich ganz schnell wieder zurück ins Ayushkamy zu bringen. Mein Hostel wollte ich mir gar nicht mehr anschauen und auch keinen Tee trinken. Nur schnell wieder zurück zu „Ein bisschen Frieden“.


Und plötzlich konnte ich es genießen. In vollen Zügen. Hatte ich mich vorher gefragt, wie ich hier bloß die Tage rumbekommen soll, vergingen diese nun wie im Flug. Morgens Meditation und Yoga, nachmittags war ich meist mit Mahesh auf irgendwelchen kleinen Gemüsemärkten für das Abendessen einkaufen und habe dann in der Küche bei einem Glas Kokosnusswasser gelernt, wie man all die leckeren Kerala-Gerichte kocht. Oder ich habe in der Hängematte gebaumelt, die Hunde, Ayush und Kamy gekuschelt, gelernt auf Palmen zu klettern, Ayurveda-Massagen genossen, gelesen, gelernt einen Lunghi zu wickeln oder einfach nur auf meiner Terrasse relaxed und den Fischern zugeschaut und an gar nichts gedacht. An gar nichts denken, ja, das geht, und zwar wenn man sich keine Mühe gibt und einfach nur das Leben so vorbeiziehen lässt. Vor dem Abendessen dann noch mal Meditation und Yoga. Und dann haben wir alle zusammen gegessen, Tee getrunken, über das Leben geredet und zusammen zufrieden in die Sterne geguckt. Und plötzlich war ich kein Gast mehr, sondern eher ein Teil von Ayushkamy. Als wäre ich schon immer irgendwie da gewesen.

  Manchmal ist das Leben so unfassbar schön, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es wahr ist, dass man es gerade lebt und erlebt. Aber dazu muss man ihm auch die Chance geben und geduldig sein. Geduld – eine meiner ganz neu errungenen Eigenschaften.

Und noch ein Traum hat sich erfüllt. Ich habe jetzt einen Elefantenfreund, Ananda Padmanabhan. Er wohnt im Dschungel und wird nur ab und an mal als Parade-Elefant zu einem Hindu-Tempel geführt. Deshalb hat er auch keinen Sattel oder sonst so einen Schnickschnack. Ich bin auf eine Mauer geklettert und von dort auf seinen Rücken, zwischen uns nur eine dünne Wolldecke. Und dann sind wir losgeschaukelt, Ananda und ich. Erst hatte ich ein bisschen Angst, von „Safety First“ oder irgendwelchen Sicherheitsvorkehrungen, die im Ernstfall meinen Sturz aus über zwei Metern Höhe hätten verhindern können, war schließlich keine Spur, war ja kein Ort, an dem sich sonst Touristen blicken lassen würden. Aber schnell war klar, Ananda ist zwar riesig, aber die sanfteste Seele überhaupt, wahrscheinlich ebenfalls mit Gedanken-Soundtrack-Dauerschleife „Ein bisschen Frieden“. Wir waren also voll auf einer Wellenlänge.

Ja, und das ist nur ein sehr kleiner Ausschnitt meiner Erlebnisse in Südindien.

Jetzt jedenfalls bin ich in Fort Kochi, einer etwas merkwürdigen und dennoch schönen Mischung aus Portugal, Holland und England. Und morgen Abend geht es weiter nach Marokko und in wenigen Wochen kehre ich dann nach Hamburg zurück. Unerleuchtet zwar, aber voller neuer Ideen, Pläne, Eindrücke und vor allem voller Vorfreude auf mein neues Leben 2.0 und darauf, all das Erlebte mit meinen Liebsten zu teilen.

Die Vorstellung, dass bald wieder ein Wecker bestimmt, ob und wann ich aufwache, dass ich statt hellwach im Lotussitz auf der Yogamatte mit Blick aufs Meer wieder müde und gestresst im Bürostuhl vor dem Monitor sitze, mit Schuhen an und gekämmten Haaren und sauberen Fingernägeln, dass ich Pflichten habe, mich anpassen muss, planen und funktionieren, … das alles kommt mir noch sehr weit weg und sehr unwirklich vor.

Die meisten Weltreisenden berichten, dass einen der Alltag schneller wieder einholt, als man es für möglich gehalten hätte, dass ruck zuck alles wieder so ist wie vorher, auch oder vor allem man selbst. Aber das glaube ich nicht. Denn ich habe gesehen, wie wunderschön das Leben ist und das Universum und der ganze Rest. Wen interessiert da bitteschön noch „die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum …“ na ihr wisst schon.

Ja, und vielleicht ist das ja das ganze Geheimnis. Nicht nach Antworten und Erklärungen suchen, sondern einfach die Frage leben.

I am not the same having seen the moon shine on the other side of the world. (Mary Anne Radmacher)

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