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Alles, worauf es im Leben ankommt, kann ich von meinem Hund lernen

Die erste Woche der Yogalehrer Ausbildung ist um und heute haben wir einen freien Tag. Wie nicht anders zu erwarten, war ich trotzdem um 06:00 Uhr hellwach. Da das Leben in Rishikesh aber erst so gegen 10:00 Uhr beginnt, hatte ich ein bisschen Zeit die Woche gedanklich zu verarbeiten.

Anstrengend war es – und zwar in jeder Hinsicht. Mir wurde oft gesagt, Indien hasst man oder man liebt es. Ich habe eher das Gefühl, dass es ein permanenter Wechsel zwischen hassen und lieben ist. In einem Moment überfordert es einen total und man fühlt sich wie im Zentrum des Wahnsinns. Und gerade wenn man kurz vorm Durchdrehen ist, frustriert und genervt und am liebsten alles hinschmeißen möchte wird aus dem Wahnsinn plötzlich wieder liebenswürdige, farbenfrohe Verrücktheit und man ist völlig verzückt von Land und Menschen.

 In dieser Umgebung Yoga zu üben, bei sich zu bleiben und seinen Körper und seine Gedanken aufmerksam zu beobachten ist eine echte Herausforderung, die zuweilen sehr Energieraubend sein kann. Ich merke allerdings, dass gerade diese Herausforderung mir hilft, mein Yoga zu vertiefen.

Und auch die Yogastunden selbst sind sehr, sehr fordernd. Von Restorative oder Yin Yoga hat hier zumindest noch keiner was gehört. Yoga wird in Indien traditionell von Männern unterrichtet, die in der Regel zuvor bei der Armee gedient haben und den dort gelernten Tonfall praktischerweise direkt für ihre Yogastunden übernehmen. Die Devise lautet: „Überwinde deinen Geist und alles ist möglich.“ Ob sich das dann für den Praktizierenden gut anfühlt oder nicht, ist erstmal zweitrangig. Schmerzen werden hier als „sweet pain“ bezeichnet und gehören nunmal dazu. Es wird so lange gezogen, geschoben und mit vollem Körpereinsatz nachgeholfen, bis die Übung aussieht wie im Buch. Da heißt es, gut auf sich selbst Acht zu geben.

Yoga in Indien bringt einen an seine körperlichen und geistigen Grenzen, lässt einen aber auch über sich selbst hinauswachsen. Denn manchmal muss man eben wirklich einfach mal den Kopf ausschalten und etwas Neues probieren, 100 Mal umfallen und beim 101 Mal plötzlich überrascht feststellen, dass man es geschafft hat. Und manchmal, ganz, ganz selten, sieht man dann ein kleines Lächeln im Gesicht seines Yogalehrers und hört ein leises „good“. Und dann weiß man, dass man es echt gerockt hat. Selbst sollte man dann aber weder lächeln noch sprechen, denn dadurch verliert man seine Aufmerksamkeit und Energie, die man lieber in die Asanas stecken sollte.

Yoga Philosophie hat einen hohen Stellenwert. Yoga ist hier vielmehr als in Europa eine Lebensart als sportliche Herausforderung. Wir ernähren uns ayurvedisch-sattvisch und in Stille, finden uns jeden Morgen vor Sonnenaufgang für verschiedene Körperreinigungen zusammen, meditieren, chanten und suchen nach dem Weg zur Erleuchtung in der manchmal nicht ganz leicht zu begreifenden Yoga Philosophie. Und unser lieber Swami, der nach Jahren als Mönch und allein meditierend im indischen Dschungel in Punkto Erleuchtung schon ganz schön was zu bieten hat, hat mal wieder sehr schön in Worte gefasst, worum es bei der ganzen Sinnsuche eigentlich geht.

„Look at a dog. Dogs are able to love you unconditionally. That is what we all have to learn. Unconditional love without attachment.“

Und deshalb sind meine Gedanken heute bei meinem lieben Ernie, diesem erleuchteten, wundervollen, glücklichen Wesen, von dem ich noch so viel lernen kann. 

Lieber Ernie, ich widme dir alle meine zukünftigen nach oben und nach unten schauenden Hunde, auch wenn ich diese wohl nie so perfekt entspannt wie du ausführen werde. 

 

Comments ( 4 )

  • Steffi says:

    Kopf hoch Liebe Katti, alles wird gut. Habe gerade Ernie und Siggi im Park getroffen – ich verstehe was Du meinst.

    Alles Liebe und bis bald.

    Steffi

  • Yogilanie says:

    Was für ein wunderschöner Beitrag! Danke! Hat mich sehr berührt…. mein Hund ist letztes Jahr leider gestorben… euer Swami hat definitiv recht… von Hunden können wir lieben und leben lernen. Alles Liebe und viel Erfolg weiterhin!

  • Matthias says:

    Hat dies auf Yogis United rebloggt und kommentierte:
    Interessanter Post. Tolles Projekt. Uneingeschränkte Klick- und Lese-Empfehlung von mir.

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