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Im Yoga-Dschungel. Oder: von der praktischen Anwendbarkeit schlauer Yoga-Weisheiten

Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, denn womöglich werden sie dir erfüllt. Genau das ist mir widerfahren. Ich wollte Abenteuer – das Universum gab mir Thailand. Aber von Anfang an …  

Thailand: weiße Sandstrände, Palmen, Kokosnuss-Cocktails, Friede, Freude, Pad Thai. So habe ich mir Thailand vorgestellt. Und so ist es auch. Also, zumindest, wenn man sich für einen Aufenthalt in der Zivilisation entscheidet. Hab ich aber nicht. Zum einen habe ich mich sehr ans Low Season Reisen und die damit verbundene Abwesenheit von Touristenmassen gewöhnt. Zum anderen bin ich abenteuertechnisch ein bisschen auf den Geschmack gekommen. In mir schlummert ein kleiner Indiana Jones, der bei der Thailand-Reiseplanung laut nach mehr Action schrie. Womit ich nicht gerechnet hatte – diesem Wunsch sollte das Universum unverzüglich nachkommen.

Auf Koh Samui wohnte ich im Jungle Club. Ja, bei dem Namen könnte man bereits hellhörig werden. Der Club liegt hoch in den Bergen Koh Samuis und die Anreise ist nur mit einem riesigen Allrad-Jeep möglich. Hat man es einmal auf den Berg geschafft, erstreckt sich dort eine idyllische Anlage mit Blick aufs Meer und einer beständigen lauen Brise. Wunderschön! Aus Kostengründen wohnte ich aber nicht in einem der luxuriösen Bungalows, sondern in einer kleinen Bambushütte mit offenem Bad. Also, im Grunde war da alles irgendwie offen. Offen für Ameisen, Mäuse, Käfer, Geckos, Spinnen, … und eben alles, was sonst so kreucht und fleucht. An der Rezeption wurde mir versichert, dass die thailändischen Spinnen aber nicht giftig seien und die Geckos nur ganz selten mal von der Decke fallen. Die sind übrigens nicht klein und niedlich, sondern so ab 20 cm lang. Ich war trotzdem erstmal beruhigt und wollte auch gar nicht so viel darüber nachdenken.

  Und dann sah ich sie, die Spinne meiner schlaflosen Albtraumnächte. Handteller groß saß sie eines Nachts im Giebel meiner Hütte. Kein Problem, dachte ich, don’t panic! Ist ja nicht giftig. Kriechst du halt unters Moskitonetz, denn da bist du sicher. Das allerdings hatte die Putzfrau fein säuberlich aufgekordelt und hochgefaltet. Und mitten auf der Kordel saß eine weitere riesige Spinne. Bin dann meine Optionen durchgegangen. Habe festgestellt, dass es keine Optionen gibt, es sei denn man betrachtet es als Option, mitten in der Nacht seine unbekannten Nachbarn zu wecken und wegen einer Spinnenattacke um Hilfe zu flehen. Dank moralischer Unterstützung per Skype Live-Schaltung mit der Heimat habe ich es dann irgendwie geschafft, die Kordel-Spinne mit einer leeren Wasserflasche wegzukicken und unter das rettende Moskitonetz zu kriechen. Am nächsten Morgen war die Spinne verschwunden. Wohin will ich gar nicht wissen. Als ich den Angestellten von meiner Spinnenbegegnung erzählte, gab es dann übrigens auf einmal doch giftige Spinnen, nur haben die NORMALERWEISE kein Interesse an Menschen und ziehen sich zurück. Normalerweise!

 Mittlerweile bin ich bei einem Yoga Retreat auf Koh Phangan und wieder habe ich mich für den Dschungel entschieden – jetzt, wo selbst Spinnen mich nicht mehr wirklich schocken können. Man erreicht diesen Strand nur per Boot und um zum Yogastudio und den dazugehörigen Bambushütten zu gelangen, muss man erst den Strand entlang laufen, dann über einen wackligen und halb vermoderten Holzsteg balancieren, um dann die restlichen Meter über die Felsen zu kraxeln. Mit Backpack, versteht sich. Die Aussicht und die Atmosphäre machen die Anstrengung dann aber mehr als wett. Dass es so einen Ort wirklich noch gibt, hätte ich nicht für möglich gehalten. Es ist paradiesisch.

 Während unserer ersten Meditation kroch dann allerdings eine Schlange aus der Schublade einer kleinen Kommode im Yoga-Studio. Hierzu die (deutlich verängstige) Yogalehrerin. „Die Situation ist die Situation, wir können sie nicht ändern, wir können nur unsere Reaktion auf die Situation regulieren. Hierbei helfen uns Meditation und Atmung.“ Während ich und meine kanadische Yogafreundin Marylin von einem wilden, aggressiven Affen angefallen und quer durch den Dschungel gejagt wurden, half uns Meditation und Atmung allerdings herzlich wenig. Da hat sich bei mir überhaupt nichts reguliert. Wir sind gerannt, haben geschrien, sind einen Abhang hinunter gerutscht und haben uns gegenseitig weitergezerrt. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so viel Angst. Denjenigen, der sich erstmal entspannt im Lotussitz auf seine Atmung konzentriert, während ein aggressiver Affe zähnefletschend und brüllend auf ihn zu springt, möchte ich bitte mal kennenlernen.

Jetzt sind unsere Füße, Arme und Beine voller Kratzer und Beulen und uns sitzt noch immer der Schreck in den Gliedern. Aber die Kratzer heilen und den Schreck lasse ich mir nachher bei der Thai-Massage wegmassieren. Was bleibt ist die Erinnerung an unsere frühmorgentliche Wanderung und die Meditation zum Sonnenaufgang hoch über dem Meer und die Geschichte von der wilden Affenjagd, die wir noch im hundert Jahren erzählen werden. Später beim Yoga fiel dann übrigens noch ein riesen Gecko direkt auf meine Matte, aber das hat mich dann tatsächlich nicht mehr aus der Ruhe bringen können.  Am Nachmittag hatten wir noch eine Gesprächsrunde mit einem sehr klugen spirituellen Physiker, der das menschliche Bewusstsein erforscht. Es ging um Atome und Licht, Zeit und Raum und die altbekannte Frage nach „dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.“ Da sowohl Alles als auch Nichts aus reinem Licht besteht, sind wir im Grunde alle schon erleuchtet, nur ist unser Bewusstsein noch zu limitiert, das auch zu begreifen. Es geht also auch mit der Erleuchtung voran.

Was für aufregende, erholsame, erleuchtete Tage. Genau das Richtige, bevor es nächste Woche weiter nach Indien geht.

Und der kleine Indiana Jones auf meiner Schulter baumelt schon wieder aufgeregt mit den Beinen und schreit lauthals nach mehr Action. Indi, jetzt regulieren wir erstmal unsere Reaktion auf die Situation und dann suchen wir uns das nächste Abenteuer, okay?

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