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Allein auf Reisen

 In den letzten Tagen habe ich viel darüber nachgedacht, ob und wie mich das Alleinreisen verändert hat und ob und wie sich diese Veränderungen auf mein Leben nach der Reise auswirken werden. Und da mein malaysischer Wahrsager mir dazu geraten hat, meine Gedanken aufzuschreiben, komme ich diesem Rat nun mach. Ich will ja meinem Glück nicht im Wege stehen.

Ich erinnere mich noch gut an den Abend vor Katjas Rückreise nach Deutschland und wie wir beide etwas niedergeschlagen an der Hotelbar in Managua saßen. Katja, da für sie die Reise bald vorüber sein würde und ich, weil der Großteil meiner Reise mir noch bevorstand. Die Vorstellung, die nächsten Monate allein auf Berge zu steigen, an Stränden zu spazieren, Rum zu trinken, die Orientierung zu behalten, Bus zu fahren, in die Sterne zu gucken, durch den Dschungel zu streifen und Routen zu planen erschien mir gelinde ausgedrückt wenig verlockend. Und so wirklich zugetraut habe ich mir das alles auch nicht. Das Ganze wurde an diesem Abend untermalt von Simon und Garfunkels „The Sound of Silence“ und wir tranken Rum, um das unvermeidlich Bevorstehende zu verdrängen. Oh, what a night! Da ich dazu neige, mir die Zukunft sehr bildlich vorzustellen, sah ich mich vor meinem inneren Auge bereits als einsam und orientierungslos Gestrandete à la „Cast Away“ Gespräche mit einem alten Volleyball namens Mr. Wilson führen. Und trotz der Sorgen, die mir mein Weltreise-Vorhaben in diesem Moment bereitete, wollte ich es unbedingt probieren. Denn das Ganze roch auch irgendwie nach Abenteuer und Freiheit und Sonne und Glück.

Zwischen diesem denkwürdigen Abend und heute liegen knapp sieben Wochen, tausende Kilometer mit Bussen, Fähren und Flugzeugen, wundervolle Gespräche mit neuen Reisefreunden und einige traurige Abschiede, ein paar Tränen, ein paar schlechte und sehr viele gute Tage, Unbeschwertheit, das ein oder andere Abenteuer, überwundene Ängste und jede Menge Lebensglück. Was für ein Trip! Und es ist gerade mal Halbzeit.

Ich bin offener, unvoreingenommener, zuversichtlicher, mutiger, selbstsicherer und aufmerksamer geworden. Ich finde das Leben uneingeschränkt schön. Während ich in Hamburg im Stechschritt durch die Straßen eilte und wie eine Irre Fahrrad fuhr, bewege ich mich nun viel langsamer, Zeitlupe trifft es wohl am besten. Ich beobachte, was um mich herum geschieht, habe feinere Sinne entwickelt. Ich habe gelernt, in mich hineinzuhören, was ich möchte und was mir gut tut. Denn mit „Ist mir egal, entscheide du.“ kommt man als Alleinreisende nicht weit. Ich bin nachdenklicher geworden, finde aber schneller Auswege, wenn ich merke, dass meine Gedanken sich im Kreis drehen. Ich fühle mich wieder wohler mit Menschen und kann besser zuhören. Ich kann mit mir allein und zufrieden sein, ohne mich einsam zu fühlen. Das alles sind Eigenschaften, die ich gern in mein „echtes Leben“ mitnehmen möchte.

Gleichzeitig merke ich aber, dass das Alleinreisen nicht unbedingt die Kompromissbereitschaft stärkt. Wie auch? Es ist ja niemand da, für den man Kompromisse eingehen müsste. Mein Freiheitsdrang ist groß und ich genieße die Unabhängigkeit. Ich brauche viel Ruhe und viel Zeit für mich. Wie sich diese Entwicklung mit meinem Hamburg-Leben vereinbaren lassen wird, weiß ich noch nicht. Vielleicht sind das auch Charakterzüge, die während der Reise in den Vordergrund treten, weil Platz dafür ist, und Zuhause wieder durch andere ersetzt werden.

Fühlt man sich an einem Ort unwohl, findet man Trost in der Unverbindlichkeit des Alleinreisens. Hostel doof? Ungutes Gefühl im Bauch? Nervige Zimmergenossen? Zu heiß? Zu kalt? Zu touristisch? Zu einsam? … Na dann reist man eben gleich am nächsten Tag weiter oder auch sofort. Als Alleinreisende muss man sich weder mit der Situation wirklich auseinandersetzen, noch seine Entscheidungen abstimmen oder irgendjemandem gegenüber begründen. Man ist frei wie ein Vogel. Auch diesbezüglich frage ich mich, ob es schwierig werden wird, die Unverbindlichkeit nach der Reise wieder loszulassen. Denn was allein auf reisen nur natürlich erscheint, würde einen Zuhause zum rücksichtslosen Egoisten werden lassen. Und so möchte ich nicht sein.

Ich habe mich gefragt, ob ich wieder allein verreisen würde. Manchmal betrachte ich Freunde oder Pärchen, die gemeinsam unterwegs sind. Dann bin ich ein bisschen neidisch auf die leichteren Rucksäcke, weil sie vieles nur einmal dabei haben müssen. Ich denke mir, dass es bestimmt schön ist, gemeinsam eine Route zu planen. Viele Situationen, die man allein als bedrohlich empfindet, nimmt man gemeinsam eher als kleines Abenteuer wahr. Man teilt die Verantwortung … und vor allem auch die schönen Momente. Auf einer Fähre in Panama habe ich neben dem Boot Delphine entdeckt und hätte am liebsten allen Passagieren aufgeregt auf die Schulter geklopft. Zusammen ist schon vieles leichter … nicht nur der Rucksack.

Das Alleinreisen allerdings ist etwas ganz Besonderes und steht, wie ich finde, gar nicht unbedingt in Konkurrenz zu einer Reise mit Freunden, denn der Sinn ist ein ganz anderer.

Der kürzeste Weg zu dir selbst führt einmal um die Welt. (Richard Hoffmann)

Allein auf Reisen lernst du nicht nur die Welt, sondern vor allem dich selbst besser kennen. Du kannst dir Zeit für dich nehmen, Entscheidungen treffen und revidieren, Pläne schmieden und spontan wieder ändern oder dich völlig planlos treiben lassen. Geht etwas schief, musst du das lediglich mit dir selbst ausmachen und läuft alles wie am Schnürchen, dann kannst du dir dafür wohlwollend auf die Schulter klopfen. Du stellst dich deinen Ängsten, wächst an den vielen kleinen Herausforderungen und bist manchmal ganz schön stolz auf dich selbst. Du schreibst deine ganz eigene Geschichte. Und das fühlt sich toll an. 

 Und so beantworte ich die Frage nach dem allein oder gemeinsam reisen mit einem eindeutigen und überzeugten JEIN. Denn was einem gut tut und Spaß macht, hängt von so vielen Faktoren ab. Gerade möchte ich es nicht anders haben, denn ich genieße es, meine eigene kleine Welt nur um mich drehen zu lassen  – und das geht nunmal nur allein. Aber die nächste Reise möchte ich bestimmt wieder mit Freunden teilen und gemeinsame Erinnerungen kreieren. Und ich sage auch nicht, jeder sollte unbedingt mal allein gereist sein. Vielleicht sollte einfach nur jeder mal darüber nachdenken, ob es vielleicht Spaß machen könnte und dann weitersehen. Ich denke schon, dass es auch eine Typfrage ist und nicht jedem gefällt.

Geht einfach auf Reisen, allein oder zusammen, kurz oder lang, nah oder fern. Schnappt euch euer Handtuch, futtert vier Tüten Erdnüsse, trinkt sechs halbe Bier und dann los. Erkundet die Galaxis. Und vor allem: Don’t panic! Denn das, was ich in den letzen drei Monaten von der Welt sehen durfte, war einfach nur unbeschreiblich schön.

Und noch ein schlaues Zitat zum Abschluss.

Alle Reisen haben eine heimliche Bestimmung, die der Reisende nicht ahnt. (Martin Buber)

Ich lasse es euch wissen, wenn ich die heimliche Bestimmung meiner Reise entdeckt habe … also vielleicht. 

 

Comments ( 3 )

  • Mike Jähnichen says:

    Ich kann dir mit dem was du schreibst zu100 %zustimmen. Ich selber schaue mir die Welt zusammen mit meiner Frau an und unser Leben hat sich seitdem auch geändert. Momentan habe ich wieder das Gefühl in den alltäglichen zwängen zu leben. Gott sei dank geht es bald für 4Wochen nach Australien. Was ich an dir bewundere ist das allein reisen. Das ist auch ein Traum von mir. Also noch viel spannende und tolle Momente,mit vielen neuen Freunden.

  • Susan Sommerfeld says:

    Aalen Reisen ist für mich spannender und ich bin viel unabhängiger. War irgendwie schon immer so. Viel Spaß noch!

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