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Do good … because you can

 Seit zwei Wochen bin ich nun in Nicaragua und die vergangenen Tage platzen vor lauter Eindrücken geradezu aus den Nähten. Und das, obwohl zwischen Yoga, Anatomieunterricht, Philosophie, Freiwilligenarbeit und Selbststudium eigentlich nur noch Zeit zum Essen und Schlafen bleibt … na ja, und ab und zu vielleicht zum Surfen und Baden. Doch das ist natürlich Jammern auf extrem hohem Niveau. Wir leben hier im Paradies, doch die Armut ist omnipräsent. 

An drei Nachmittagen in der Woche praktizieren wir im Rahmen unserer Ausbildung Seva, leisten also einen freiwilligen und uneigennützigen Dienst an der Gesellschaft. Wir fahren hierfür in die nahegelegene Highschool, die Waves of Hope mit Hilfe von Spendengeldern gebaut und ausgestattet hat, und unterrichten Englisch.  Jetzt kann man natürlich sagen: „Die armen Kinder! Werden in unregelmäßigen Abständen von verrückten Yogis unterrichtet, deren Englisch zum Teil echt verbesserungswürdig ist.“ Aber selbst wenn wir keine Pädagogen sind, Didaktik für uns ein Fremdwort ist und der ein oder andere von uns den Kindern den lustigen Akzent seines jeweiligen Heimatlandes vermachen wird – wir glauben, dass es gut ist. Uns ist bewusst, dass wahrscheinlich keins der Kinder jemals eine Universität besuchen wird, aber vielleicht öffnen ein paar Brocken Englisch die Tür für einen Job in der Tourismusindustrie. Und selbst wenn nicht. Die Kinder haben Spaß und freuen sich jedesmal tierisch, wenn wieder die Gruppe von 20 schrägen Ausländern in bunten Leggings in einem alten Armee-Truck mit einer riesen Staubwolke auf den Schulhof gerumpelt kommt.

Wir möchten Gutes tun, nicht weil wir es müssen, sondern weil wir die Möglichkeit dazu haben. Und weil wir an das Gute in der Welt glauben. Ja, ich weiß, das klingt abstrakt und vielleicht empfindet es der ein oder andere als überheblich, dass wir ernsthaft annehmen, unsere bescheidene Existenz könnte einen Einfluss auf die Welt haben. Und ich gebe zu, ich war da auch sehr skeptisch. Aber dann passierte Folgendes.

Unsere Nachbarn hier haben ein kleines Ferkel. Anfangs lief es frei herum. Dummerweise hat es dann in einer Nacht und Nebel Aktion sämtliche Bananenpflänzchen im Umkreis von 500 Metern aufgefuttert. Am nächsten Tag war es dann angeleint und die Nachbarn schienen sich nicht weiter zu kümmern. An einem besonders heißen Tag lag es nur noch teilnahmslos unter seinem Baum. Ich habe ihm dann Wasser in einer kleinen Schüssel gebracht und später ein paar Essensreste, die die Küche sonst weggeschmissen hätte. Mir war klar, dass die Nachbarn mich für völlig übergeschnappt halten würden. In einem Land, in dem so viele Menschen ums Überleben kämpfen, zählt ein Tierleben verständlicherweise nicht viel … gar nichts, um genau zu sein. Tatsächlich haben die Nachbarn mich aber beobachtet und bringen nun auch immer mal wieder Wasser und Futter vorbei. Mittlerweile wurde dem Ferkel offenbar sogar der Bananen-Fauxpas verziehen, denn es läuft wieder frei herum.

Das alles ändert natürlich nichts daran, dass das Ferkel spätestens im Herbst auf dem Grill landet und die Menschen in Nicaragua arm sind und hungern. Es geht ja auch gar nicht um das Ferkel und schon gar nicht um die neue Formel für baldigen Weltfrieden. Mir hat das das einfach nur gezeigt, dass es richtig ist, Gutes zu tun, ohne dabei immer einen bestimmten Zweck zu verfolgen und dann die nächste gute Tat vom Ergebnis oder dem Erfolg der letzten guten Tat abhängig zu machen. Do good … because you can. Denn Gutes zieht Gutes an und Gutes im Leben gibt den Menschen Hoffnung. Und das ist gut, finde ich.

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