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„Don’t panic!“ oder: Von der Kunst die Nerven zu bewahren

Still in Hamburg – still alive and kicking. Gestern allerdings ist mir zum ersten Mal aufgefallen, das die Vorbereitungsphase eines solchen Reisevorhabens tatsächlich enorme Stimmungsschwankungen birgt. Und gestern war definitiv ein absoluter Höhepunkt – im positiven Sinne.

le_gurp

Phase 1: Euphorie

Ich weiß es noch genau. Die Idee zur Weltreise kam mir an einem ungemütlichen Winternachmittag, während ich kränkelnd und gemütlich eingekuschelt in mein Selbstmitleid auf dem Sofa saß und ähnlich wie bei einem fiesen Unfall, also gewissermaßen unfreiwillig, vom völlig bescheuerten Nachmittagsprogramm der Privatsender hypnotisiert war. Nebenbei suchte ich ein bisschen im Internet nach Yogalehrerausbildungen im Ausland und stieß dabei zufällig auf ein Forum, in dem sich Weltreisende, und solche, die es werden wollen, über Packlisten, Destinationen, Sorgen, Erfahrungen, Round The World Tickets usw. austauschten. Mir war zwar bereits zu diesem Zeitpunkt klar, dass ich eine Weile, vier/fünf Wochen vielleicht, mal raus wollte. Doch mit jedem Beitrag, den ich hier las, wuchs mein Fernweh. Und von einer Sekunde auf die andere war klar – ich mach das einfach auch! Wie? Keine Ahnung! Wann? So schnell wie möglich. Wohin? Na überall hin. Wieso, weshalb, warum? Das werde ich schon nochherausfinden. Ich war absolut euphorisch. Vorallem wahrscheinlich, weil alles noch so schön abstrakt war und es ganz viel Platz für meine Phantasie gab. Wahrscheinlich um zu verhindern, dass ich am Ende doch noch einen Rückzieher mache, habe ich auch direkt jedem von meinem Vorhaben berichtet. JEDEM! Ob er/sie nun wollte oder nicht. Und wer so rumposaunt, muss natürlich früher oder später auch Taten folgen lassen.

Phase 2: Zweifel

Ich fange an zu planen – und mit der Planung kommen die Zweifel, ganz langsam und unauffällig, aber doch kontinuierlich. Während der Auszeit erhalte ich weiterhin einen Teil meines Gehalts, verpflichte mich aber, diesen „Vorschuss“ im Anschluss wieder abzuarbeiten. Will ich mich wirklich so binden, wo das vorherrschende Gefühl doch gerade der Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit ist? Ich werde sechs Monate allein reisen. Werde ich mich einsam fühlen? Werde ich meine Freunde und meine Familie vermissen? Werde ich Angst haben? Was, wenn ich mir da selbst zu viel zugetraut habe, wenn das alles eine Nummer zu groß für mich ist? Hier in Hamburg fühle mich nicht mal im Stande eine harmlose, feingliedrige Hausspinne vor die Tür zu setzen und jetzt will ich allein Länder bereisen, in denen die Menschen Spinnen, Kakerlaken und Skorpione als vielleicht nicht liebgewonnene aber eben als permanent existente Mitbewohner akzeptiert haben? Viele Kollegen und Freunde fragen mich auch, ob es nicht gefährlich ist, als Frau allein zu reisen, ob ich eigentlich eine Ahnung habe, wie viele Frauen in Südamrika verschleppt oder in Indien vergewaltigt werden. Zwischenzeitlich bin ich tatsächlich kurz davor, alles abzublasen, entdecke dann aber nach und nach Blogs und Bücher, die mit den Klischees Alleinreisender (Frauen) aufräumen und mir wieder Mut machen. Ich verpasse mir selbst einen ordentlichen Tritt in den Hintern und gehe das ganze von nun an wieder optimistischer an. Vorallem sehe ich ein, dass es völlig blödsinnig wäre, die Reise zu vergessen, nur weil es VIELLEICHT auch mal anstrengend, traurig, einsam, gefährlich oder schwierig werden könnte. Erstens kann das ja jetzt noch keiner wissen und zweitens kann ich ja immernoch wieder nach Hause fliegen, wenn ich mich wirklich nicht wohl fühlen sollte. Also „Don’t panic!“

Phase 3: Vorfreude

Und das ist die aktuelle Phase. Es wird langsam ein bisschen Stressig. Der Impfplan nervt, der Job muss übergeben werden, ein Zwischenmieter muss her, ich brauche ein Visum für Indien, muss sicherstellen, dass ich immer genug Geld zur Verfügung habe und so langsam gibt es auch die ersten Abschiede. Nichtsdestotrotz hat sich in mir eine unbändige Vorfreude breit gemacht, gepaart mit der Überzeugung, dass alles schon irgendwie gut werden wird. Waren es zwischenzeitlich einmal Ängste und Zweifel, die mir den Schlaf raubten, war es gestern Nacht die Vorfreude, die mich wach hielt. Herrlich! In Gedanken bin ich eigentlich schon ganz weit weg, liege in Hängematten, laufe Strände entlang, übe Yoga am Fuße des Himalaya und durchforste den Dschungel Zentralamerikas. Und trotzdem genieße ich auch die letzten Wochen in Hamburg.

Mal sehen, wie es jetzt weitergeht und wie es sich mit den Stimmungsschwankungen während der Reise so verhalten wird.

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